Magiesysteme Teil 4: Sanderson´s Laws of Magic

Oh, so viele bekannte Gesichter hier. Schön, dich wiederzusehen. Der heutige Artikel in der Reihe „Magiesysteme“ ist eher ein Zwischeneinschub als ein weiterer Schritt. Ein 3.5, ein P.S., ein Fun-Fact, ein Exkurs. Aber weil wir die Dinge nicht verkomplizieren wollen, seien wir so frech und nennen diesen Teil den vierten.

Beim letzten Mal hast du Brandon Sanderson und sein Konzept von Hard und Soft Magic kennengelernt. Die wichtigsten Punkte sind hier nochmal zusammengefasst:

1. Soft Magic erzeugt Wunder und Staunen, aber wenn du mit Magie Konflikte lösen willst, ist Hard Magic besser dafür geeignet.

2. Sanderson´s First Law of Magic: „Die Fähigkeit des Autors, Konflikte mit Magie zu lösen, ist DIREKT PROPORTIONAL dazu, wie gut der Leser diese Magie begreift.“

3. Für den Autoren kann ein Magiesystem hard magic sein, während es für den Leser Soft Magic bleibt. Sei dir deswegen immer bewusst, wie viel der Leser von deiner Magie begreift, sonst könnte das schnell in einer Panne enden.

Heute wird es um die restlichen zwei Gesetze von Sanderson gehen, denn die will ich dir nicht vorenthalten. In meinen Augen ist Brandon Sanderson ein Genie, und ich möchte sein Wissen mit der Welt teilen. Seine Gesetze halten so viele Schreibtipps bereit, dass kein Autor auf sie verzichten sollte.

Das erste Gesetz kennst du bereits: „Die Fähigkeit des Autors, Konflikte mit Magie zu lösen, ist DIREKT PROPORTIONAL dazu, wie gut der Leser diese Magie begreift.“ Wenn du dich in das erste Gesetz nochmal reinlesen willst, schau bei Teil 3 vorbei, und komm für Weiteres wieder hierher zurück.

Jetzt zu etwas Neuem. Das zweite Gesetz lautet wie folgt: „Einschränkungen > Stärke

Was wie eine mathematische Formel klingt, wird logischer, wenn man sie erstmal laut ausspricht: Die Einschränkungen eines Magiesystems müssen größer sein als seine Stärke. Es muss also mehr Dinge geben, die der Magier nicht tun kann, als Dinge, die er tun kann. Das ergibt Sinn, wenn man es in den Kontext einer Geschichte stellt: Hat der Magier alle Zaubersprüche, um seinen Feind zu besiegen, ist der Feind kein wirkliches Hindernis. Der Todeszauber wird ausgesprochen, der Feind fällt um, niemand kommt zu Schaden, Ende der Geschichte. Der Leser bekommt das Ende jedoch wahrscheinlich nicht mal mehr mit, weil er vor Langeweile eingeschlafen ist.

Die Spannung fehlt, wenn es zu wenige Einschränkungen gibt. Einschränkungen könnten wie folgt ausschauen, kehren wir zum vorherigen Beispiel zurück: Dem Magier stehen zwar alle Zaubersprüche zur Verfügung, auch und besonders der Todeszauber, aber um ihn zu zaubern, sind besondere Voraussetzungen nötig.

A) Der Magier ist bei voller Energie. Wenn er das nicht ist, würde ihn der Zauber so erschöpfen, dass er scheitert oder selbst stirbt.

B) Es muss Sichtkontakt herrschen, wenn er den Feind mit dem Todeszauber belegt.

C) Der Todeszauber braucht mehrere Minuten, um ausgesprochen zu werden. Während dieser Zeit ist der Magier komplett verwundbar.

D) Der Feind muss davor eine Alraune gegessen haben, damit der Todeszauber bei ihm wirkt.

Ich könnte das ganze Alphabet verbrauchen und hätte am Ende noch weitere Voraussetzungen in petto, aber vier müssten reichen, um das Gesetz zu veranschaulichen. Einschränkungen wie diese erzeugen Spannung, weil der Charakter (und der Autor) für sein Ziel arbeiten muss, und je komplexer diese Einschränkungen sind, desto interessanter wird es. Außerdem ist es unklar, wie der Konflikt enden wird. Der Leser fragt sich unter Schweißperlen, ob der Magier es schaffen wird, dem Feind unauffällig Alraunen zu verabreichen und dazu noch Sichtkontakt herzustellen – und oh nein, der Feind entpuppt sich als unsichtbares Monster! Wird es dem Magier trotzdem gelingen, Sichtkontakt herzustellen?

Spannung ist unser Freund.

Das dritte Gesetz lautet: „Weite das, was du bereits hast, aus, bevor du etwas Neues ergänzt.

Ein Tipp, den man so ziemlich auf alle Lagen des Schreibens und Lebens an sich beziehen kann. Im Bezug auf Magiesysteme meint er, dass man lieber ein Magiesystem mit wenigen Fähigkeiten als eines mit dutzenden haben soll. Quantität ist nicht immer gleich Qualität, auch wenn du vielleicht so viele Ideen für Magiearten hast, dass sie fast überquellen. Aber picke dir lieber die heraus, die am besten zu diesem Buch und dieser Welt passen, und hebe dir die übrigen für spätere Projekte auf.

Nehmen wir an, du hast dir folgende drei Magiearten fürs Magiesystem ausgesucht:

1) Man kann die Geschichte von Objekten erfahren, wenn man sie berührt.

2) Man kann fliegen, wenn man glücklich ist (hello, Peter Pan).

3) Man kann Laserstrahlen aus den Augen schießen.

(Merkst du etwas? 1) und 2) haben Einschränkungen inbegriffen, ganz wie es das zweite Gesetz verlangt.)

Das sind also unsere Beispiel-Magiearten. Sie sind für eine Geschichte nicht besonders geeignet, weil sie sich schwer glaubwürdig und logisch untereinander verknüpfen lassen. Laserstrahlen haben nichts mit Berührungsmagie zu tun, beides ruft eine vollkommen andere Stimmung hervor. Magie sollte thematisch zum Buch passen, außer es ist satirisch geschrieben. Laserstrahlen passen normalerweise nicht in einen historischen Roman über die Kelten.

Sehen wir von der Unglaubwürdigkeit ab, und akzeptieren das Magiesystem für dieses Beispiel. Das Gesetz verlangt, dass wir Schluss machen, uns weitere Magiearten zu überlegen, und stattdessen in die Tiefe der vorhandenen Magiearten gehen. Wir könnten uns überlegen, welche Auswirkungen die Magie hat. Was passiert mit Flugzeugen, wenn die Menschen ohnehin fliegen können? Sind sie ersetzbar, oder brauchen die Menschen sie trotzdem noch, weil es ihnen in großer Höhe zu kalt ist und lange Strecken sie erschöpfen? Was ist mit der Privatsphäre, wenn man ein Objekt nur berühren muss, um seinen Hintergrund zu erfahren? Und wie ist Objekte überhaupt definiert? Zählt ein Fluss auch dazu? Und wenn man ein Buch berührt, erfährt man nur seine Vergangenheit oder auch, was im Buch passiert? Welche Auswirkungen hat das auf die Gesellschaft, auf die Welt?

Diese Fragen könnte man ewig so weiterführen, wodurch man immer tiefer und tiefer gräbt, sodass das Magiesystem immer dreidimensionaler und glaubwürdiger wird.

Wenn du mehr über Sanderson´s Laws of Magic lesen willst, wende dich ans Internet, das hält sehr viele Artikel dazu bereit. Einige davon sind:

Kurzfassung https://stormlightarchive.fandom.com/wiki/Sanderson%27s_Laws_of_Magic#:~:targetText=Sanderson’s%20Laws%20of%20Magic,Expand%2C%20Don’t%20Add.

Längere Kurzfassung https://coppermind.net/wiki/Sanderson%27s_Laws_of_Magic

Langfassung https://maxonwriting.com/2016/08/02/being-a-better-writer-sandersons-three-laws-of-magic/

Das erste Gesetz https://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/SandersonsFirstLaw

Das zweite Gesetz https://worldbuildingschool.com/the-power-of-limitations/

Das dritte Gesetz https://www.brandonsanderson.com/sandersons-third-law-of-magic/

Sanderson erklärt die Gesetze höchstpersönlich! https://www.youtube.com/watch?v=jXAcA_y3l6M

Diskussion https://www.reddit.com/r/worldbuilding/comments/1qh8mz/sandersons_laws_of_magic/

Jetzt bist du dran: Wähle Magiesystem aus, gern auch das, worüber du momentan schreibst, und wende die Gesetze darauf an. Also: Ist es Hard oder Soft Magic? Welche Einschränkungen gibt es? Wie könntest du mehr in die Tiefe gehen?

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