Was nach dem Schreiben kommt (Überarbeitung Teil 1)

Heute enttarnen wir gemeinsam eine falsche Wahrheit. Durch die Leute, mit denen ich rede, und die Filme, die ich kenne, in denen schreibende Charaktere vorkommen, habe ich gemerkt, dass viele eine falsche Vorstellung vom Buchprozess haben. Sie denken, dass wir uns hinsetzen, Seiten um Seiten schreiben, mal mit, mal ohne Struggle, und am Ende ein fertiges Manuskript der Welt präsentieren. Einige Autoren denken dasselbe, und auch, wenn sie theoretisch wissen, dass das nicht stimmt, fühlen sie sich dadurch unter Druck gesetzt. 

Stellen wir es ein für alle Mal klar: Ein Buch schreibt sich nicht auf Anhieb. 

Ein Buch zu schreiben, ist keine einfache Sache – vor allem deshalb, weil es eben nicht nur aufs Schreiben ankommt. Das ist ein wichtiger Grundstein, aber ein Stein allein, auch wenn auf ihm noch so viel aufbaut, ist kein ganzes Haus. Viel wichtiger ist das Überarbeiten, also der eigentliche Hausbau. Im Normalfall nimmt er einen viel längeren Zeitraum als das eigentliche Schreiben ein. 

Schreiben ist für mich die Arbeit am ersten Entwurf. Meistens zwei bis sechs Monate lang, je nach Umständen, und in diesem Zeitraum ordnet man ausschließlich Wörter auf leeren Seiten an. Im Vorhinein hat man vielleicht eine Handlung geplant, aber hier nimmt die Geschichte zum ersten Mal Textform an. Der erste Entwurf ist das Grundgerüst, wie die Knochen eines Menschen. Sehr wichtig, aber eben nicht alles – bei Weitem nicht. 

Überarbeiten ist für mich die Arbeit nach dem ersten Entwurf, also alle Entwürfe danach. Der zweite, der dritte, der vierte, und so weiter. So viele, wie man eben braucht, bis das Buch präsentabel ist. 

Und ja, du hast richtig gehört: Der erste Entwurf ist nicht präsentabel. Du würdest kein Skelett hernehmen und behaupten, das wäre ein ganzer Mensch. Dafür musst du erst Muskeln hinzufügen, Nerven, Blutbahnen, Hautschichten, und auch dann hast du noch keinen ganzen Menschen, denn es fehlt noch die Feinarbeit: Fingernägel, Haare, Augen, Lippen, all diese Details.

All das ist überarbeiten, von den Muskeln bis hin zu den Details. Und wie das geht, stelle ich dir in dieser Artikelreihe vor.

Im Dezember 2019 habe ich den ersten Entwurf von #TOD2 beendet, und sobald ich das Dokument geschlossen habe, wusste ich eins: Vor mir liegt noch ein Mount Everest an Arbeit. Doch davon ließ ich mich entmutigen, sondern blickte dem Aufstieg voller Vorfreude entgegen. Beim Schreiben ist es wichtig, dass der Prozess an sich Spaß macht, und nicht nur der Gedanke an das Ergebnis.

Was habe ich als erstes gemacht? Das Projekt ruhen gelassen, um erst einmal Abstand zu gewinnen. Um zu überarbeiten, brauche ich Objektivität, soweit das als Autor eben möglich ist (Zeit ist natürlich ein Luxus, den man mit Deadlines nicht immer hat, in dem Fall sollte man trotzdem ein paar Tage Pause einräumen).

Spulen wir zwei Monate vor, und wir befinden uns am Ende vom Januar, als ich das Dokument zum ersten Mal seit langem wieder öffnete. 

Ich teilte den Bildschirm so, dass ich links den ersten Entwurf hatte, und rechts ein leeres Dokument mit dem Namen “zweiter Entwurf”.

Das ist der erste richtige Schritt der Überarbeitung: einen zweiten Entwurf anfertigen. 

Zuerst muss ich wissen, wo im ersten Entwurf die Schwächen liegen. Davon gibt es gewiss einige, weil ich mich beim Schreiben nicht auf Qualität, sondern auf Quantität konzentriert habe. Vermutlich scheitert es vor allem an den Handlungssträngen, sowohl an den aktionalen als auch an den emotionalen. Was das genau ist, habe ich in diesem Artikel beschrieben. Versuche, beim zweiten Entwurf die Ereignisse in eine sinnvolle bzw. logische Reihenfolge zu bringen, aber auch den Spannungsbogen richtig aufzubauen. Auch dazu gibt es ein Artikel. Wenn du befürchtest, die Übersicht zu verlieren, erstelle dir eine Checkliste. Das mache ich immer, bevor ich an einen zweiten Entwurf gehe. Ich überfliege den ersten Entwurf und mache mir dabei Notizen in Form einer Checkliste, die im Normalfall eine Doppelseite lang werden. 

Allerdings benutze ich die Checkliste beim zweiten Entwurf nicht unbedingt, vielmehr habe ich sie neben mir liegen, um am Ende des zweiten Entwurfs drauf zu schauen und zu prüfen ob ich irgendwelche Punkte nicht schon automatisch verbessert habe. Meistens überarbeite ich nach Gefühl, ziehe Szenen zurecht und baue hier einen Dialog aus und da eine Beschreibung, bis ich das Gefühl habe, dass die Knochen so richtig angeordnet sind. Notfalls kann ich sie in den späteren Entwürfen brechen und neu zusammenwachsen lassen.

Indem ich, wie anfangs beschrieben, beide Dokumente (also den ersten und den zweiten Entwurf) auf dem Bildschirm nebeneinander lege, kann ich viele Szenen aus dem ersten Entwurf abschreiben, wenn ich sie nicht gerade streiche, verschiebe, ausdehne oder neue kreiere. Du kannst dir den ersten Entwurf, den ich auf die linke Bildschirmseite ziehe, wie die Puzzleteile in einer Schachtel vorstellen, und den zweiten Entwurf auf der rechten Seite wie die Unterlage, auf dem das fertige Puzzle entstehen soll.

Für den zweiten Entwurf brauche ich zwischen 2 bis3 Monate. Danach fühlt es sich so an, als hätte ich aus einem Affen einen Menschen gemacht (die biologische Richtigkeit lassen wir hier mal beiseite). 

Jetzt bist du dran. Was sind deine ersten Schritte nach dem ersten Entwurf? Schreibst du den ersten Entwurf mit all seinen Fehler runter, um ihn beendet zu haben, oder kannst du unmöglich all die Fehler übersehen und überarbeitest lieber as you go? 

5 Replies to “Was nach dem Schreiben kommt (Überarbeitung Teil 1)”

  1. Hallo! Vielen Dank für deine spannenden Einblicke! Ich glaube, ich mache oft alles gleichzeitig. Ich überarbeite den Anfang, während ich an der Mitte noch schreibe. Ich überarbeite immer nebenher, um mich wieder ins Projekt einzulesen. Ich schreibe per Hand, überarbeite schon beim mehrmaligen Einlesen einzelne stellen und tippe dann eine nächste Fassung in den Computer, die dann aber immer noch ein paar Mal überarbeitet werden muss, bevor ich sie irgendwann einem Testleser zeige 🙂 Aber da ich nebenher arbeite, brauche ich für ein großes Projekt Jahre, es sei denn es ist ein bezahlter Auftrag. LG, Tala

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    1. Hi Tala,
      danke für deine Antwort. Mit deiner Methode habe ich auch mal überarbeitet, aber das war mir auf Dauer zu unstrukturiert. Und ich bin auch zu ungeduldig dafür, ich muss klare Fortschritte sehen, um mich zu motivieren xD. Meinst du mit bezahlter Auftrag einen Verlagsvertrag oder Artikel für eine Zeitung? Klingt auf jeden Fall interessant.
      Liebe Grüße,
      Eileen

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      1. Hi Eileen,
        ich glaube, jeder muss so seine eigene Methode finden. Ich hatte mal einen Verlagsvertrag für ein Buchthema, da hab ich dann auch Vollzeit dran gearbeitet und es rechtzeitig fertig geschrieben. Jetzt schreibe ich zur Zeit nur neben meiner normalen Arbeit, d.h. v.a. abends und am Wochenende. Da geht natürlich alles viel langsamer…
        Schreibst du hauptberuflich?
        LG, Tala

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