Magiesysteme Teil 5: Analyse eines bekannten Magiesystems

Heute ist der glorreiche Tag gekommen: Der Tag, an dem wir die Welt der Theorie hinter uns lassen (zumindest in diesem Teil von Writenia) und uns der Praxis widmen. Denn was wäre Theorie ohne Praxis? Wie ein Schokokuchenrezept ohne den fertigen Schokokuchen. Jeder würde sich eines schokoladigen Himmelsgenusses beraubt fühlen.

Heute analysieren wir ein Magiesystem mithilfe der Punkte, die wir in den vorigen Artikeln erarbeitet haben. Die Fragen, die wir uns stellen werden, lauten wie folgt:

Worauf baut das MS auf?

Wie hängen MS und Handlung zusammen?

Magieart? Woher kommt die Magie? Wie wird sie gewirkt?

Wie originell ist das MS?

Ist Magie angeboren oder erlernt? Wer kann sie wirken?

Welche Einschränkungen gibt es? Welchen Regeln folgt das MS? Welchen Preis zahlt man für Magie?

Hard oder Soft Magic?

Für unsere Analyse habe ich das Magiesystem von Zauberzungen aus Tintenherz ausgesucht, weil ich darüber bisher am wenigsten nachgedacht habe, es nicht allzu kompliziert ist und du es vermutlich am ehesten kennst.

Worauf baut das MS auf? Es baut auf dem Prinzip auf, dass die Geschichte hinter jedem Buch lebendig ist. Das ist alles. Ein einziges Grundprinzip, welches interessant genug ist, um darauf aufzubauen und die Leser neugierig zu machen.

Wie hängen MS und Handlung zusammen? Nun, der Konflikt in Tintenherz besteht darin, dass der Zauberzunge Mo seiner Tochter Maggie und seiner Frau Resa aus Tintenherz vorgelesen hat. Dadurch ist Resa verschwunden und an ihrer Stelle sind Staubfinger und Capricorn erschienen, zwei Buchcharaktere. Magie hat also den Konflikt verursacht, und dehnt ihn weiterhin aus, als Capricorn nach und nach seine ganze Welt in unsere Wirklichkeit lesen lässt. Der Konflikt spitzt sich außerdem mit Magie im Finale zu, weil Maggie den Schatten, einen mächtigen Verbündeten Capricorns, hervorlesen soll, und letzten Endes löst Maggie den Konflikt teilweise, indem sie mit ihrer Magie die Zeilen umschreibt und den Schatten gegen Capricorn wendet. Magiesystem und Handlung hängen also sehr eng zusammen, beides dient einander.

Magieart? Woher kommt die Magie, wie wird sie gewirkt? Wenn wir nach unserer aufgestellten Liste im ersten Artikel gehen, ist es Talentmagie. Mo und Maggie haben das Talent, Bücher lebendig werden zu lassen. Es hat vermutlich einen biologischen Zusammenhang, aber niemand kann uns sagen, woher sie kommt. Ebenso wenig ist es schwer zu ergründen, wie sie genau funktioniert, wir wissen nur, dass sie gewirkt wird, indem aus einem Buch laut vorgelesen wird.

Wie originell ist das MS? Diese Frage können wir wohl nie mit absoluter Sicherheit beantworten, aber ich stelle die Behauptung auf, dass es sehr originell ist. Das Buch ist 2003 erscheinen, zu einer Zeit, in der es noch nicht viele Fantasyromane gab, wie wir sie heute kennen. Heutzutage gibt es dutzende Bücher, in denen Buchcharaktere lebendig werden. Book Elements von Stefanie Hasse, BookLess von Marah Woolf, Mein Herz zwischen den Zeilen von Jodie Picoult, um nur ein paar zu nennen. Ich wage zu behaupten, dass diese Bücher alle von Tintenherz inspiriert wurden. (Dazu fällt mir ein Zitat von Cornelia Funke ein, das ich hier nur paraphrasiert widergeben kann: „Ich lese keine Bücher aus dem Genre, in dem ich schreibe, damit ich mir davon keine Ideen leihe und ich originell bleibe.“ Das ist zwar ein richtiger Ansatz, aber wir arbeiten bei dieser Artikelreihe mit der Theorie, dass man sich in seinem Genre auskennen muss, um Originalität zu finden. Man muss wissen, was bereits geschaffen worden ist, um etwas Anderes zu schaffen.)

Ist Magie angeboren oder erlernt? Wer kann sie wirken? Die Magie ist angeboren. Maggie musste nichts tun, um sie zu erlernen. Unseres Wissens nach gibt es vier Zauberzungen: Mo, Maggie, Orpheus und Darius.

Welche Einschränkungen gibt es? Welchen Regeln folgt das MS? Welchen Preis zahlt man für Magie? Zauberzungen können zwar Menschen, Dinge und andere Lebewesen aus Büchern hervorlesen, aber diese Macht ist eingeschränkt. Zum einen muss ein Buch gut geschrieben sein, damit man etwas daraus lesen kann. Zauberzungen, die auch Autoren sind, können daher jedes geschriebene Wort wahr werden lassen, so wie Maggie und Orpheus. Zum anderen muss der Zauberzunge auch gut vorlesen können, denn sonst werden die Dinge und Lebewesen kaputt, wie man am Beispiel von Darius sieht, der aufgrund seiner Nervosität stotternd liest. Der Preis ist schmerzhaft: Für jede Person und jedes Objekt, das man aus der Bücherwelt hierherliest, verschwindet eine Person oder ein Objekt aus unserer Welt in die Bücherwelt. So hat Mo seine Frau verloren, was die Macht von Zauberzungen extrem einschränkt, weil es das Zaubern dadurch gefährlich macht.

Hard oder Soft Magic? Es ist wohl ein Mischmasch, wie alles im Leben. Ich bin geneigt, ihm mehr Hard Magic zuzuschreiben, gemessen daran, wie stark die Regeln des Magiesystems sind, aber man weiß zum anderen nicht, wie die Magie genau funktioniert und nach welchen Regeln die Menschen verschwinden, was eher Soft Magic entspricht.

Eine Analyse ist hilfreich, um zu prüfen, wie romangeeignet und überzeugend ein Magiesystem ist. Deshalb zögere nicht, deine eigenen Magiesystemen nach diesem Muster zu analysieren. Es kann dir nur helfen.

Jetzt bist du dran: Was ist dir bei einem Magiesystem wichtig? Soll es z.B. vor allem originell sein, oder kann es auch ein daher gelaufenes Elementsystem sein, das dich dennoch unterhält?

  • Eileen

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