Ein guter Charakter wird böse – Wie stelle ich das realistisch dar?

Die meisten von uns lieben böse Charaktere, wenn wir sie verstehen können. Sie jagen uns sogar etwas Angst ein, wenn wir so sein könnten wie sie – wenn wir verstehen, dass eine kleine Sache gewaltiges auslösen kann. So sympathisieren wir ganz besonders mit den Charakteren, die uns am Anfang als gut vorgestellt werden, dann aber nach und nach der Dunkelheit verfallen.  Darum soll es heute gehen; wie stellen wir als Autoren diese Art der Bösewichte möglichst gut dar?

In meinem Buch Schwarze Federn, das am 01.06.2021 beim Wreaders Verlag erscheint (Werbung, es tut mir leid!) kommt es zu genau dieser Handlung – ein guter Charakter wird böse, driftet immer weiter ab. In diesem Artikel möchte ich euch ein paar Tipps mit an die Hand geben, die mir sehr geholfen haben

 

Zunächst einmal sollten wir uns allerdings fragen, was ein Antagonist eigentlich ist – was macht ihn aus? Jeder Bösewicht hat einen Grund, wieso er böse ist. Dafür gibt es tausende Möglichkeiten, aber hier sind ein paar der gängigsten:

  • Er wird zu bösen Handlungen gezwungen und hat eigentlich keine andere Wahl. Er entpuppt sich dementsprechend auch als gut. (kein wahrer Bösewicht)
  • Eine traumatische Kindheit hat ihn gewissermaßen »umgepolt« und er ist aufgrund von diversen Ereignissen böse geworden
  • Er ist böse, weil es ihm einfach verdammt viel Spaß macht
  • Rache ist sein Motiv und nur deshalb tut er all die bösen Dinge, die er eben tut
  • Er verfolgt gute Ziele, aber seine Lösungsversuche sind eben das, was ein anderer Mensch als böse bezeichnen würde; hierbei ist fraglich, ob man ihn wirklich als wahren Bösewicht ansehen sollte. Er meint es ja nur gut

Wie gesagt gibt es noch zahlreiche weitere Möglichkeiten, aber wir halten fest: Ein wahrer Bösewicht denkt im Normalfall, dass er gut ist. Selbst einer, der es nur macht, weil es Spaß macht – irgendwo sollte der Antagonist einen Sinn sehen. Er selbst muss seine Aktionen aus voller Überzeugung durchziehen (außer er wird wie Fall eins gezwungen, aber der ist nunmal auch kein wahrer Antagonist), muss sich vor sich selbst rechtfertigen können und sollte auch kein schlechtes Gewissen haben. Für ihn macht alles so viel Sinn, auch wenn es sonst niemanden gibt, der ihn so wirklich verstehen kann.

Und genau bei dem »für ihn macht alles so viel Sinn« möchte ich ansetzen. Die Bösewichte, die einst einmal gut waren, gehören meistens einer der letzten beiden Kategorien an; sie haben Rachemotive oder verfolgen eigentlich gute Ziele.

Ganz besonders solltet ihr eine Sache beachten: Die Entwicklung von Gut zu Böse sollte nicht plötzlich geschehen (deshalb ist es eine Entwicklung) und vor allem nachvollziehbar sein. Meistens spielt Verzweiflung eine sehr große Rolle. Ein Protagonist, der verzweifelt ist, wird am Ende meistens die richtigen Entscheidungen treffen und auf dem guten Pfad bleiben. Aber gerade solche »Verzweiflungstaten« sind es, die aus einer netten Person ganz schnell eine nicht mehr so nette Person machen können.

Beginnen wir also ganz am Anfang der Geschichte von unserer Person, die langsam böse werden soll. Der Leser sollte gerade mit dieser Person sympathisieren können, damit der gesamte Verlauf schmerzhaft und emotional wird – er soll den Leser nicht langweilen, sondern fesseln und ihm die Sprache verschlagen. Wir nennen unsere Person übrigens Person A, weil ich mich gerade so schrecklich kreativ fühle.

Person A geht es zu beginn der Geschichte den Umständen entsprechend gut, aber sie muss schnell unter Druck stehen – so, wie es in einem normalen Verlauf eben auch bei dem Protagonisten der Fall wäre. Nach und nach muss die Situation verschärft werden, d.h. Person A steht unter immer mehr Druck und tut alles mögliche, um die Spannung zu lösen und heil aus der Situation herauszukommen.

Aber was dann? Immer weiter wird Person A in die Enge getrieben und es ist eine unheimliche Last, die auf deren Schultern ruht. Verzweiflung macht sich breit und sie sollte auch für den Leser spürbar sein. Es kommt zu der ersten Verzweiflungstat; eine Notlösung. Person A hat einfach keine andere Möglichkeit gesehen und musste so handeln, auch wenn es vielleicht unmoralisch und falsch war. Person A bereut sogar ihr Handeln und würde es gerne zurücknehmen, aber: es steht für Person A nunmal ebenso fest, dass es keine andere mögliche Lösung gegeben hätte und dies die einzige Wahl war.

Manche Handlungen erzeugen bei uns Menschen eine sogenannte Dissonanz; Wir stehen selbst unter enormen Druck, weil wir innerlich gespalten sind. Wir haben etwas getan, das wir selbst nicht richtig verkraften können und vielleicht auch nicht hätten tun wollen. Dies passiert genau dann bei unmoralischen Handlungen (bei solchen, die wir selbst als unmoralisch einstufen). Was passiert also mit Personen, die unter Dissonanz leiden? Es gibt eigentlich zwei Möglichkeiten; man geht an dem enormen inneren Druck zugrunde, oder man wehrt sich dagegen. Und wie wehrt man sich? Man rechtfertigt seine Handlung vor sich selbst und dreht sie genau so hin, dass sie nicht mehr so schlecht zu sein scheint.

Genau das passiert nach der ersten Verzweiflungstat also auch mit Person A. Ab diesem Punkt kann die Abwärtsspirale aber beginnen; der Konflikt wird nicht aufgelöst, sondern verhärtet sich so. Unter der Last der Schuld und des Konflikts wird Person A erneut in die Enge getrieben und es kommt zu weiteren Verzweiflungstaten – es spinnt sich immer weiter, langsam und Schritt für Schritt.

Parallel dazu gibt es die Freunde von Person A, die auf die Fehler hinweisen und zurückgewiesen werden, weil Person A sich vor sich selbst rechtfertigen muss & somit auch vor den Freunden triftige Argumente braucht.

Die Freunde werden sich nach und nach abwenden und Person A ist alleine (was noch mehr Verzweiflung hervorruft – Person A fühlt sich im Stich gelassen und denkt, dass alle gegen sie sind, weshalb es jetzt auch noch zu aktiver Gegenwehr kommt).

Fazit: Der Charakter wird letztendlich verrückt, weil er ein ganz genaues Ziel verfolgt und immer mehr moralisch schlechte Handlungen begeht (die zunehmend schlimmer werden), mehr seiner Freunde verliert und es nicht verstehen kann. Sie werden ihn anzweifeln, obwohl es in den Augen von Person A einfach alles sehr viel Sinn macht.

 

Hier nochmal alles zusammengefasst:

Person A steht immer mehr unter Druck > Spannung nimmt zu > die erste Verzweiflungstat wird begangen > Dissonanz > Rechtfertigung vor sich selbst > mehr Druck > eine weitere Verzweiflungstat > Freunde und vertraute wenden sich ab > Person A fühlt sich ungerecht behandelt & denkt alle sind ihre Gegner > weitere Verzweiflungstaten > Spirale

 

Ich hoffe sehr, dass euch dieser kurze Beitrag zum Thema geholfen hat. Wie gesagt; die Verzweiflung ist hierbei ein wichtiger Punkt, der Leser fesselt und den Charakter zerspringen lässt.

Habt ihr schon einmal einen Charakter geschrieben, der langsam die Seite gewechselt hat? Was sind eure Erfahrungen? Schreibt es gerne in die Kommentare!

– Eure Mia (Halo Fulbright)

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