Wie erschaffe ich eine Weltkarte?

Oft haben Autoren Probleme mit einer Weltkarte. Es mag sein, dass sie in ihren Notizen unzählige Völker, Kulturen, Religionen und Schauplätze notiert haben, aber das alles in Form zu bringen, kann schon mal knifflig werden. Wo soll man anfangen? Der ein oder andere spitzt dann in bereits erschienene Bücher wie Der Herr der Ringe oder Game of Thrones, um sich von deren Karten inspirieren zu lassen:

Mittelerde
Game of Thrones

Wie haben Tolkien und Martin ihre Karten erstellt? Bei Martin erscheint es offensichtlicher als bei Tolkien: Sie haben unsere Welt, die Erde, als Basis genommen. Schau dir die untere Karte genau an und vergleiche sie mit einer Weltkarte. Dabei mag dir auffallen, dass Westeros (also der westlichste Kontinent) an Großbritannien erinnert (ausgenommen (Nord-)Irland), Essos und Ulthos (also die östlichen Kontinente) an Eurasien, und Sothoryos (nicht im Bild) liegt ungefähr da, wo unser Afrika liegt. Bei Tolkien ist es ähnlich: Mittelerde basiert auf Eurasien. Beide Welten wurden unabhängig weiterentwickelt, sobald eine Basis stand, aber die groben Anordnungen mussten die Autoren nicht erfinden; sie bevorzugten die Formen, die sie von unserer Welt kannten.

(Übrigens ist der Zusammenhang zwischen Mittelerde und Eurasien ziemlich interessant; wer will, kann hier mehr darüber erfahren.)

Hier haben wir also die erste Möglichkeit, um eine Weltkarte zu erstellen. Doch was ist, wenn du wirklich etwas Komplett Neues erfinden willst? Das ist möglich. Einen Stift frei zur Hand zu nehmen und wild drauf loszuzeichnen, ist eine Option, wenn du dich im Moment nicht dazu fähig fühlst, gibt es eine einfachere Option.

Nimm eine Handvoll Kleinteile, egal was. Am besten klappt es mit Reis oder Linsen, es gehen aber auch Nudeln, Büroklammern, Mandarinenschalen oder Kieselsteine. Diese verstreust du auf ein Blatt Papier. Du kannst sie auch darauf werfen oder hinknallen oder Korn für Korn rieseln lassen, die Hauptsache ist, dass sie auf irgendeiner Art landen, idealerweise auf dem Papier. Die Reiskörner landen willkürlich in einem bestimmten Muster. Deine Aufgabe ist es nun, sie mit einem Bleistift zu umfahren. Dort, wo sie dichter aneinanderliegen, bildet sich ein Kontinent oder mehrere, die weiter verstreuten stellen vielleicht kleine Inseln dar. Die natürlichen Unebenheiten, die Landmassen oft mit sich bringen (sie verlaufen nicht linear, sondern haben Dellen, Spitzen, Finger, Buchten, scharfe Kanten, Zipfel), entstehen dank der Linsen (oder den anderen Materialen) ganz automatisch, sodass die Weltkarte realistisch wirkt.

Wenn du dich abenteuerlustig fühlst, kannst du auch mehrere Materialen kombinieren, sodass noch wirrere Formen entstehen.

Sobald du fertig bist und das Papier von jeglichen Kleinteilen befreit hast, hast du eine Basis für deine Welt. Du hast die Umrisse und eine grobe Ahnung, wo was liegt. Jetzt kannst du diese Basis in eine digitale Version übertragen, damit du nicht so viel Zeichnen musst (ein Programm, das ich dafür regelmäßig benutze, ist Inkarnate. Es gibt aber noch viele weitere). Du kannst natürlich auch selbst Hand anlegen und die Bäume und Gebirge auf dem Papier einzeichnen. Das mache ich manchmal, wenn ich das Gefühl habe, dass ich Feinheiten anfertigen muss, die mir die digitale Version nicht bieten kann, zumindest nicht mit meinen digitalen Fähigkeiten.

Jetzt beginnt die wirkliche Arbeit. Wir müssen der Welt ein Gesicht geben. Victoria Aveyard hat ihre Methode vor mehreren Jahren auf Instagram vorgestellt, und ich finde sie ziemlich wasserdicht, deshalb fasse ich sie hier kurz für dich zusammen. Wenn du an dem genauen Vorgehen interessiert bist, geht es hier zum Video.

Zuerst überlegst du dir, wo du Gebirge ansiedelst. Diese sind ziemlich wichtig, weil sie bestimmen, wie die Flüsse und Straßen verlaufen, wo die Leute leben (vielleicht hast du ein Bergvolk, andernfalls leben die Leute bevorzugt nicht im Gebirge), die Temperaturen und das Wetter. Achte auch darauf, welche Bedingungen du für deine Geschichte brauchst. Vielleicht brauchst du ein bergiges Gebiet, vielleicht aber auch ein sehr flaches, oder eines mit vielen Flüssen. Behalte das im Hinterkopf, während du Schritt für Schritt die Karten „bemalst“.

Sobald du die Gebirgsketten angelegt hast, zeichnest du die Flüsse ein. Die meisten großen Quellen entspringen in Gebirgen. Von diesen Flüssen können kleinere Flüsse abzweigen, die zum Beispiel in Meeren oder Seen enden, auf dem Weg dorthin womöglich untereinander verschmelzen oder sich wieder aufteilen. Gibt es vielleicht Dämme in deiner Welt, oder menschengemachte Quellen? Kalkuliere das alles ein, weil es dein Landschaftsbild auch verändert. Flüsse sind wichtig, da sie oft natürliche Grenzen sind. Solange es keine Brücke oder Boot gibt und die Strömung nicht zu stark ist, sind sie unpassierbar. Perfekt für Ländergrenzen.

Mach dir als Nächstes Gedanken über das Klima. Es muss nicht alles wissenschaftlich korrekt sein, aber du kannst versuchen, es für den Durchschnittsmenschen logisch erscheinen zu lassen. Eine Eiswüste wird sich nicht im Mittelpunkt befinden und umringt sein von Dschungel. Überleg dir, was sich im Norden und Süden befindet, wie Gebirge und Flüsse die Windströmungen bestimmen, wie die Gebirgsketten das Klima beeinflussen (hohe Berge können warme Luft daran hindern, ins Tal zu kommen), und warme Flüsse verheißen ein warmes Klima. Wo liegt viel Feuchtigkeit in der Luft, das heißt wo bildet sich Regenwald/Dschungel? Wo herrscht ein gemäßigtes Klima, sodass ein Grasland mit Wäldern entsteht? Gibt es eine Tundra, Steppe, Wüste, Schneelandschaft?

Vom Klima kann Handel, Kultur, Politik und Einwohnerzahl abhängig sein, also überlege dir gut, was du für die Welt haben willst.

Wie oben angesprochen, ist es jetzt an der Zeit, Ländergrenzen zu ziehen. Dabei bieten sich Flüsse, Gebirge und Wälder als Grenzen an, du kannst sie aber auch willkürlich ziehen, denn Grenzen verändern sich durch die Menschen. Entweder sie werden nach Kriegen und Abkommen versetzt, oder wie im Falle von Afrika mit dem Lineal gezogen. Im Falle von Afrika ist der Kulturkonflikt ziemlich interessant. Du kannst dir Gedanken darüber machen, ob sich Kolonien gebildet haben, Länder besetzt und neu zugerichtet worden, sodass die Grenzen zwar linear auf der Karte ausschauen, aber die „Ureinwohner“ in Wirklichkeit ihre ganz eigenen Grenzen haben.

Nach demselben Prinzip fügst du auch die Städte ein. Vielleicht hast du dir schon etwas zur Geschichte überlegt und weißt, dass es eine Stadt im Wald geben muss, oder eine Stadt an einer Flusskreuzung. Wenn du noch ratlos bist, kannst du die Städte auf natürliche Weise hinzufügen, indem du dir die Landschaft anschaust. Wo gibt es Handelsstädte, Fischerdörfer, Hafenstädte, isolierte Städte… wie sind die Menschen untereinander vernetzt? Gibt es viele Handelsstädte mit gut befahrenen Routen, oder liegen die Städte so weit auseinander (oder in ungünstigen Punkten, wie zum Beispiel im Gebirge), dass die Menschen eher unter sich sind? Diese Fragen haben Einfluss auf weitere Aspekte, wie die Einstellung gegenüber Fremden, das Reisen, die Wirtschaft.

Jetzt kannst du die Städte und Dörfer durch Straßen verbinden. Wie bei den Flüssen überlegst du dir zuerst die Hauptstraßen, was meistens die Handelsrouten sind, und leitest davon ab, wo sich kleinere Straßen befinden. Auf dieselbe Weise kannst du befahrene Flüsse und Meereswege einzeichnen, oder Flugrouten. Der Verlauf all dieser Routen beeinflusst vor allem die Wirtschaft, weil Gegenden, in denen viele solche Routen verlaufen, eher mehr Geld haben als Gegenden ohne Routen. Beachte immer: Wo kommen die Menschen mühelos durch? Sie werden vermutlich eher den Weg um ein Gebirge nehmen, anstatt mitten hindurch zu fahren. Inwiefern werden sie von Flüssen am Weiterkommen gehindert? Gibt es gruselige Wälder, die die Menschen eher meiden?

Nichts, was du zeichnest, ist ein Stein gemeißelt. Wenn dir während des Prozesses auffällt, dass an Punkt A eine Stadt doch eher ungünstig ist und vielmehr an die Wegkreuzung B eine gehört, ändere es ohne viel Zögern. Vertraue deinem Instinkt.

Sobald du mit der Karte zufrieden bist, kommt die wirklich kreative Phase: All die Gebirge, Wälder, Flüsse, Meere, Seen und Städte haben Namen. Diese können erfunden sein, oder sich an der Landschaft orientieren. Ein gutes Beispiel hierfür bietet George R.R. Martin, siehe die untere Karte. „The Sunset Sea“ liegt im Westen, dort, wo die Sonne untergeht. Ein Landabschnitt, der an eine Hand erinnert, heißt „The Fingers“. Und so weiter und so fort.

Zum Abschluss habe ich hier eine Reihe Video, die nützlich sind, wenn es dir nicht reicht, die Landschaft nach Gefühl und durchschnittlicher Logik anzufertigen, sondern wirklich wissenschaftlich sein willst.

Über Tektonische Platten: https://www.youtube.com/watch?v=x_Tn66PvTn4

Über Klima: https://www.youtube.com/watch?v=LifRswfCxFU

https://www.youtube.com/watch?v=5lCbxMZJ4zA&list=PLduA6tsl3gygXJbq_iQ_5h2yri4WL6zsS&index=54 (Part 1)

https://www.youtube.com/watch?v=fag48Nh8PXE&list=PLduA6tsl3gygXJbq_iQ_5h2yri4WL6zsS&index=55 (Part 2)

Über Meeresströmungen: https://www.youtube.com/watch?v=n_E9UShtyY8&list=PLduA6tsl3gygXJbq_iQ_5h2yri4WL6zsS&index=51

Über fremdartige Planeten: https://www.youtube.com/watch?v=egzZv8tqT_k

Jetzt bist du dran. Entwerfe deine eigene Karte – welche Erfahrungen hast du dabei gesammelt? Welche Vorgehensweise benutzt du?

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