Immer wieder reden wir über unsere Charaktere – wie wir sie möglichst authentisch gestalten, wie sie dreidimensionaler werden. Und immer wieder betonen wir, dass Charaktere die Essenz der Geschichte sind und somit mit ganz besonderer Sorgfalt erschaffen werden sollen. Heute soll es etwas „persönlicher“ werden – heute erfahrt ihr, wie wir (oder zumindest einer von uns) unsere Charaktere erschaffen.
Ich, Mia, möchte anfangen – ich will euch einen kleinen Einblick in meine Arbeit geben. Oder eher einen großen Einblick in meine Arbeit mit den Charakteren. Eileen wird sicher auch bald einen Beitrag diesbezüglich verfassen und euch ihre Methode vorstellen. Heute geht es aber um mich (yay) 😀
Wie erschaffe ich also meine Charaktere? Fangen wir doch mal mit einer kleinen Übersicht an.
1. Die erste Inspiration
2. Die wichtigsten Daten
3. Ausarbeiten
4. Das Interview
Mein Weg zu einem Charakter ist immer unterschiedlich – zu Beginn zumindest. Nach und nach wird mein Ansatz immer systematischer und dann, irgendwann, vermutlich sogar ganz einfach nachvollziehbar.
Es ist immer die „erste Inspiration“, die alles ins Rollen bringt. Und diese erste Inspiration kann alles Mögliche sein. Manchmal, ganz oft sogar, fängt es bei mir mit einem Setting an. Ich überlege mir, welche Art von Charakter in dieses Buch, in diese Idee, passen könnte. Dann forme ich diese Person weiter, bis sie nach und nach Gestalt annimmt.
Meistens nehme ich meine erste Inspiration aus Liedern oder auch aus Bildern. Am spannendsten finde ich es tatsächlich, wenn ich ein Lied höre und aus dem Lied einen Charakter erbaue. Ganz oft versuche ich, die Grundstimmung zu übernehmen und einige Textstellen zu Charakterzügen zu verwandeln. Der Schritt mit der Musik ist für mich mit einer der wichtigsten – so kommen bei mir die ersten Emotionen zustande und ich kann mich über die Musik in den Charakter einfühlen und ihn ein wenig besser verstehen. So ist es für mich am einfachsten.
Für die erste Inspiration hilft mir oft übrigens auch Pinterest. Ich erstelle mir zwar selten ganze Pinnwände für einen Charakter, aber ich suche gerne nach passenden Bildern. Hierbei geht es mir nicht um ein bestimmtes Aussehen… sondern einzig und allein die Ausstrahlung – Ausdruck, Haltung, die Wirkung auf mich.
Gut – das war es mit der ersten Inspiration. Weiter geht es bei mir immer mit den wichtigsten Daten. Das ist jetzt natürlich nicht sehr „genau“ – jeder versteht darunter vielleicht etwas anderes. Aber für mich sind es meistens das Aussehen und Basic Daten wie Name, Alter und ein paar Charakterzüge. Das allerwichtigste eben. An diesem Punkt habe ich oft ohnehin schon mindestens ein Bild parat und eine grobe Vorstellung, wie dieser Charakter so sein soll. Insofern ist der Schritt mit der leichteste – dennoch am wenigsten spaßig, weil ich mir nicht so viel ausdenken kann. Wobei der Name jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung ist. Das geht aber hoffentlich jedem von uns so – richtig? An dieser Stelle sei gesagt, dass es im Internet tausende Seiten mit tollen Namen gibt und garantiert irgendwann jeder fündig wird. Manchmal „klaue“ ich mir auch einen Namen aus Serien oder Büchern. Auch da haben sie schon eine gewisse Bedeutung für mich und ich kann viel leichter mit ihnen arbeiten.
Die Basicdaten sind geschrieben und die Inspiration wurde quasi festgehalten – das erste Konzept des Charakters steht, ein Grundgerüst quasi. Doch ein Grundgerüst braucht natürlich noch viel Arbeit – ein Charakter soll ja nicht einfach so durchschaubar sein, nein, oder gar unvollständig. Hier fange ich immer mit meinen berüchtigten Mindmaps an. Inzwischen sollte man es vielleicht sogar gemerkt haben – ja…. ich liebe Mindmaps. Nirgendwo sonst kann ich meine Gedanken so gut sortieren und bin so kreativ. Jedenfalls halte ich so alle meine Ideen und Gedanken fest und erbaue nach und nach gewissermaßen ein Charakternetz. Ich finde diese Methode ganz besonders praktisch, weil man auch visuell ein schönes Bild vor Augen hat. Irgendwie komme ich so auf die besten und kreativsten Ideen. Ich brauche diese Verknüpfungen einfach.
Okay, jetzt wird’s spannend – finde ich zumindest. Die meisten Autoren arbeiten ja mit Steckbriefen. Das habe ich auch eine ganze Weile lang gemacht, aber inzwischen finde ich die Teile ganz schön nervig und anstrengend – und nutzlos. Sie bringen mir einfach nichts. Ich lerne die Charaktere nicht über sinnlose Steckbriefe kennen. Ich bevorzuge Interviews. Ich habe einen zehnseitigen Bogen mit vielen (wirklich vielen!) Fragen. Ich versetze mich jedes Mal aufs Neue in die Charaktere und beantworte einfach nur die Fragen aus deren Perspektive. So habe ich tatsächlich das Gefühl, die Charaktere kennenzulernen – anders fühle ich mich ihnen eher fremd. Die Fragen sind übrigens ganz vielseitig. Manche sind simpel: Haben Sie Geschwister? Und manche wiederum sind komplexer: Was bedeutet Familie für Sie?
Das Interview-Konzept ist aus verschiedensten Gründen wundervoll: man erfährt nicht nur alle Infos, die man sonst in einem Steckbrief verpacken würde (wie viele Geschwister ein Charakter hat und ob er überhaupt welche hat) und zudem erfährt man mehr über das Empfinden und die Einstellung des Charakters. Als Beispiel ein kleiner Auszug aus Jack Wrights Interview (aus meinem Buch Tanz der Rivalen):
Sind Sie ein Optimist oder ein Pessimist? „Ich bin kein Optimist, denke ich. Ich bin ein Realist. Ich sehe die Dinge so, wie sie sind. Ich… denke ich. Also ein Pessimist bin ich eigentlich nicht. Wobei… ich weiß es nicht. Aber Realist ist doch eigentlich nur ein beschönigendes Wort für Pessimist – oder?“
An dieser Frage alleine erkennt man Jacks Unsicherheit – und, ironischerweise, seinen Pessimismus. Alleine durch seinen letzten Satz outet er sich als solchen.
Diese Interviews geben mir immer das Gefühl, meinen Charakteren viel näher zu sein. Daher kann ich mich so erst in sie hineinversetzen. Jeder, der es noch nie mit einem Interview probiert hat, sollte es dringend mal machen. Für mich war es die beste Umstellung in meinem gesamten Schreibleben. Probiert es!
Nach dem Interview habe ich meistens ein vollständiges Charakterprofil. Danach schreibe ich manchmal, je nach Lust und Laune, noch eine Kurzgeschichte aus der Perspektive des Charakters. Dann kommt der nächste.
So – jetzt wisst ihr, wie ich meine Charaktere erstelle. Gerne dürft ihr in den Kommentaren schreiben wie der Prozess bei euch aussieht 😀
– Eure Mia (Halo)

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